Glitch im Garten des Flüsterns erkundet das Zusammenspiel von Künstlicher Intelligenz (KI) und Kunst. Die Ausstellung des Landesverbands Berliner Galerien (LVBG) zeigt Arbeiten von Ana María Caballero und Nicole L’Huillier, die sich mit Sprache, Übersetzung und Hören beschäftigen. Leitmotiv ist „seed“ (Saatgut/Samen): Wie Samen Ausgang für Wachstum sind, enthalten Worte verborgene Welten, die Impulse wecken. Der Ausstellungsraum ist als Garten gedacht, in dem Samen auf passende Bedingungen treffen und neue Möglichkeiten wachsen. In KI-Systemen bestimmt ein „seed“, wie sich Zufälligkeit innerhalb riesiger Parameterräume entfaltet. Gleichzeitig lässt sich der Garten als Übersetzungsraum lesen, in dem Sprache, genetischer Code, Form, Farbe und Duft ineinandergreifen. So wie die Übersetzung Sprache interpretiert, mutiert und reagiert der Garten und schafft einen gemeinsam verfassten Text.

La Becque © Emilien Itim
Nicole L'Huillier erforscht Poesie als performative Form, in der Worte durch Mensch-Maschine-Kollaboration wachsen und mutieren. Ihr Werk Cuchicheos (2022) vollzieht fortlaufende Übersetzungen durch membrale Operationen, die Grenzen zwischen Kategorien verwischen. Die Installation besteht aus einer langen Fahne aus miteinander verbundenen Membranen, die wie ein gummiartiges Soundsystem zu Boden fällt. Jede Membran dient als Lautsprecher und gießt Klänge in den Raum. Der Sound basiert auf Gabriela Mistrals Gedicht La Contadora (Die Geschichtenerzählerin), übersetzt von Ursula K. Le Guin. Dies schafft einen Süd-Nord-Dialog, der Science-Fiction und Poesie verbindet. L'Huillier bearbeitet das Gedicht mit Lernalgorithmen, die mit fremden Klängen antworten und neue Bedeutungen im Flüstern und Rauschen eröffnen. Zusätzlich erzeugen zwei vogelartige Objekte eine KI-gesteuerte Klanglandschaft, die alte Pfeifgefäße, Erdbebenschwingungen, fließendes Wasser und Stimmen von Besucher:innen zu einem wandelbaren Archiv verbindet.

Cuchicheos , Kunsthalle Baden-Baden, 2022 © Nicole L'Huillier
Ana María Caballero interpretiert in Being Borges (2023) Jorge Luis Borges' Das Buch der imaginären Wesen durch KI-generierte Bilder neu. In der zwölfteiligen Serie nutzt sie KI, um Borges' spanischen Text, die englische Übersetzung und ihre eigene Interpretation in Bilder zu übersetzen. Dabei offenbart sich, wie KI Sprache interpretiert und Vorurteile in Datensätzen aufdeckt. Die Bilder sind mit eigenen Gedichten Caballeros kombiniert, die auf weitere literarische Werke verweisen und Gedanken zur Intertextualität anstoßen – wie ihre Hommage an Alicia Ostrikers Demeter to Persephone. Caballeros Werk untersucht die Beziehung zwischen Zeichen und Bedeutung, Präzision und Mehrdeutigkeit.

The Double © Ana María Caballero
Die Arbeiten in der Ausstellung Glitch im Garten des Flüsterns beziehen sich auf verschiedene Autor:innen, die durch Übersetzungsmodi zusammenwachsen – ein zentrales Thema für die Funktionsweise von KI. Ursula K. Le Guin verstand Übersetzung als kulturelle Beobachtung: als ein Zuhören über das Anderssein hinweg. Jorge Luis Borges scheint KI in seiner Erzählung Der Garten der Pfade, die sich verzweigen (1941) vorweggenommen zu haben, indem er eine Geschichte schrieb, die gleichzeitig alle möglichen Geschichten enthält. Jede KI-Generierung in der Ausstellung repräsentiert nur einen Weg durch einen Garten vielfach verzweigter Möglichkeiten. KI-Übersetzungen sind niemals neutral; wie Samen auf Erde oder Flüstern auf Ohren treffen, trifft KI auf Sprache und erschafft aus unzähligen Möglichkeiten eine Interpretation.
Weitere Informationen: www.berliner-galerien.de

The Elephant that Foretold the Birth of the Buddha © Ana María Caballero
Gefördert durch die Senatsverwaltung für Wirtschaft, Energie und Betriebe und unterschtütz durch das Landesverband Berliner Gallerien (LVBG)