industry on the move - Tony Garnier 1900 und Gunter Henn 2000

Die Rückkehr der Industrie in die Stadt

2. Juni - 7. Juli 2000 (Aedes West)
2. Juni -16. Juli (Aedes East)

Eröffnung/Opening:
Eröffnung:
Freitag, 2. Juni 2000
Aedes West: 17.30 Uhr
Aedes East: 19.00 Uhr


 

Aedes Kooperationspartner

 

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industry on the move -
Tony Garnier 1900 und Gunter Henn 2000

Das Architekturforum Aedes eröffnet am Freitag, 2. Juni 2000 in den zwei Galerien ein deutsch-französisches Ausstellungsprojekt, das einen Dialog zwischen den Stadtutopien des französischen Architekten und Urbanisten Tony Garnier (1868-1948) und dem deutschen Architekturbüro von Gunter Henn, HENN Architekten Ingenieure, entstehen läßt.

Zur Aktualität des Ausstellungsprojektes: Die Idealstadt 'cité industrielle' (1904/1917) von Tony Garnier und die im Jahr 2000/01 fertiggestellten Projekte der Volkswagen AG - 'Die neue Autostadt in Wolfsburg' und 'Die gläserne Manufaktur in Dresden' von Gunter Henn - liegen genau 100 Jahre auseinander. Die beiden Jahrhundertwende-Projekte provozieren derzeit eine neue Urbanismus-Debatte. Zeichen unserer Zeit ist die Kultur-, Konsum- und Dienstleistungsstadt, die Stadt der Mobilität, die dem Kult des Autos frönt, die sich aber neuen Tendenzen öffnet. Es geht heute um die Stadt, in der (wieder) produziert wird.

Bei der 'Autostadt' in Wolfsburg von Gunter Henn lässt sich eine Form von Kreativität des Dabeiseins, des Selbermachens (-abholens) feststellen. Der nächste - kundenkompatible - Schritt ist bereits denkbar: elektronisch wählen, kaufen und am Ort der Fertigung abholen. Die 'Autostadt' in Wolfsburg entsteht auf 25 ha vor den Toren des VW-Stammwerkes als ein komplexes Kunden-Center, u.a. mit Konzernforum, Automuseum, sieben Markenpavillons, Hotel und gläsernen Auto-Stapeltürmen. Die präzise Architektursprache steht der landschaftsgeprägten Mitte mit weichen Hügeln und Wasserflächen gegenüber. Eine Brücke über den Kanal verknüpft die Autostadt mit dem ICE-Bahnhof Wolfsburg. Bei der 'Gläsernen Manufaktur' in Dresden von Gunter Henn zeigt sich eine weitere überraschende Entwicklung: mit dem Bau eines Autowerkes im Zentrum der Kulturstadt implantiert die Industrie ihr eigenes Projekt - die Industrie kehrt in die Stadt zurück. Die nicht unumstrittene Hinwendung der Industrie zur Stadt ist ein ernstzunehmendes Signal zukunftsweisender Veränderungsprozesse von Stadt und Produktion. Die Form der 'Gläsernen Manufaktur' zeigt die Entwicklung zur stadtverträglichen Produktion auf: die just-in-time per Tramway angelieferte und per Hand zusammengebaute Automobilfertigung wird erreicht durch ein Netzwerk umliegender Zulieferfirmen - im Sinne einer neuen Industriekultur. Die Selbsttransformation der Industriekultur (Ulrich Beck), also die Auf- und Ablösung der ersten durch die zweite Moderne, wird in ihren Konturen und Prinzipien in der 'Gläsernen Manufaktur' deutlich. Auch hier holt der Kunde sein Auto nicht nur ab, sondern er wohnt seiner Erzeugung förmlich bei. Das winkelförmige Gebäude von Gunter Henn ist seiner Aufgabe entsprechend innen und aussen konsequent transparent konstruiert. Hier kann der Kunde den Zusammenbau der Einzelteile zum Auto beobachten. In einem gläsernen Zylinder stehen die fertigen Modelle abholbereit. Weitere Nutzungen stellen u.a. Kino, Restaurant und Ausstellungsflächen dar, eingebunden in den Landschaftsraum des 'Großen Parks' in Dresden.

Die 'cité industrielle' des Architekten und Stadtplaners Tony Garnier, Lyon, stellt sich dagegen geordneter dar - als Produktivitätsmythos um 1900. Elektrizität und zentrale Bürokratie Hand in Hand zum optimalen Glück der Industriearbeiter. Tony Garnier ist präsent, wenn es um die Avantgarde des 20. Jahrhunderts geht. Wenig bekannt in seinem Werk sind die Wechselbeziehungen zwischen Utopie und praktischer Umsetzung. Seine Bauten in Lyon aus Stahlbeton und Stahlkonstruktionen, die er als einer der in Lyon dominierenden Architekten in der 35-jährigen Ära des Bürgermeisters Edouard Herriot geplant und gebaut hat, zeigen beeindruckend sein architektonisches Können. Garnier´s Visionen der 'cité industrielle' und seine in Bauten umgesetzten Ideen werden in Deutschland erstmals umfassend dargestellt.

Im Architekturforum Aedes West am Savignyplatz werden die vollständige Erstausgabe der Hauptwerke von 'cité industrielle' und die 'Grand Travaux pour la ville de Lyon' (1917), Leihgaben aus den Beständen der Forschungsbibliothek der Bausparkasse Schwäbisch Hall AG und weitere Originalzeichnungen von Tony Garnier aus dem Archiv des Musée des Beaux Arts, Lyon, zu sehen sein.

Die 'Autostadt Wolfsburg' und die 'Gläserne Manufaktur' werden im Architekturforum Aedes East in den Hackeschen Höfen vorgestellt. Pläne, Zeichnungen, Texte und Modelle kartieren dabei diese zwei großen städtebaulichen und architektonischen Projekte sowie die Arbeitsmethoden von HENN.

Das Büro von Gunter Henn, HENN Architekten Ingenieure, ist ein Architektur-, Planungs- und Beratungsunternehmen mit einem über 200 Mitarbeiter umfassenden, hochspezialisierten Netzwerk, u.a. für Gesamtplanungen von Forschungs- und Entwicklungszentren, Bürogebäuden, Universitäts-, Instituts- und Industriebauten. Gunter Henn arbeitet seit 1994 zusammen mit dem Massachusetts Institut of Technology (MIT) in Cambridge, USA, und hat seit diesem Jahr eine Professur an der TU Dresden.

Die Ausstellung wird vorbereitet und wissenschaftlich begleitet von Peter Stürzebecher und Günther Uhlig.

Zur Ausstellungseröffnung sprechen: 
Kristin Feireiss
Berlin/Rotterdam
Günter Uhlig Karlsruhe/Mailand, u.a.