40 Jahre Aedes 1980–2020

Von der Postmoderne bis ins digitale Zeitalter

Ende der 1970er, Anfang der 80er Jahre, die Postmoderne entfaltete sich zu voller Blüte und mit der 1978 beschlossenen IBA Berlin widmete sich erstmals eine Internationale Bauausstellung nicht nur dem Neubau, sondern ebenso der behutsamen Stadterneuerung und der Partizipation der Bürger. In diesem Zeitgeist entstand 1980 das Architekturforum Aedes in einer 40m²-Ladengalerie in der Grolmannstraße 51 in Berlin-Charlottenburg. 

 

Aedes Kooperationspartner

 

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Die Journalistin Kristin Feireiss, tätig im Internationalen Design Zentrum Berlin (IDZ), und Helga Retzer aus dem Wirkungsfeld des DAAD waren beide weder Architektinnen noch praktisch wie theoretisch dem Themenfeld kontinuierlich verbunden. Nur sporadisch tangierten ihre Institutionen das Thema des gebauten Raums. Mit der Gründung von Aedes folgten die beiden einzig ihrer Intuition: Sie wollten Architektur und Stadtraum als bedeutende Faktoren des täglichen Lebens im Bewusstsein einer erweiterten Öffentlichkeit verankern und sie damit auch außerhalb der Expertendebatten, im Spiegel der Zeit und gesellschaftlicher Konditionen unabhängig von Stilfragen, zur Diskussion stellen. Mit vier Jahrzehnten kontinuierlicher Programmarbeit ist Aedes damit selbst zum Teil der jüngeren internationalen Architekturgeschichte geworden. Zwar hatten große Museen schon immer auch Ausstellungen zur Architektur(geschichte) im Programm. Dass der Architektur selbst ein eigenständiger öffentlicher Kultur-Raum zugeordnet wurde – damit war Aedes 1980 ein Novum.

Um jene ‚erweiterte‘ Öffentlichkeit näher an das Thema heranzuführen, waren alle Ausstellungsräume seither in bester Lage der Stadt angesiedelt und Ausstellungen wie Veranstaltungen immer ohne Eintritt zugänglich.

Die Ausdehnung des ‚Aedes Universums‘ im Verlauf der folgenden vier Jahrzehnte verlief dynamisch, neben der physischen Neuverortung – ab 1988 zunächst in den S-Bahnbögen am Savignyplatz, ab 1995 in den Hackeschen Höfen und seit 2006 am Pfefferberg – reichte die Strahlkraft der weltweit ersten privaten Architekturgalerie schon bald nach ihrer Gründung weit über die Grenzen Berlins und Deutschlands hinaus.

 

Inhaltlich wie ökonomisch als Experiment von Kristin Feireiss und Helga Retzer († 1984) ins Leben gerufen, wird Aedes seit 1994 gemeinsam von Kristin Feireiss und Hans-Jürgen Commerell geleitet. Das Aedes Architekturforum ist heute mit seinen insgesamt ca. 600 m² Ausstellungs-, Veranstaltungs- und Büroflächen eine international renommierte, unabhängige und nicht mit öffentlichen Mitteln geförderte Kulturinstitution für zeitgenössische Architektur, Stadtgestalt und themenverwandte Inhalte. Ökonomisch nach wie vor im ungesicherten Experimentalzustand, haben sich Kristin Feireiss und Hans-Jürgen Commerell auch bei der Entwicklung von Themen und neuen Formaten wie bei der inhaltlichen Erweiterung ihres Netzwerks nie vom Mainstream leiten lassen. Auf der Suche nach dem Neuen, nach guten Beispielen und visionären Konzepten aus allen Teilen der Welt hat Aedes die Avantgarde wie die großen Namen der Architektur zu Wort kommen lassen, aber auch immer frische Ideen und junge Talente in mehr als 400 Ausstellungen präsentiert.

Aedes und der transdisziplinäre Dialog

Im Jahr 2020 begeht Aedes sein 40-jähriges Jubiläum. Seit vier Jahrzehnten steht das Architekturforum in Berlin für den internationalen Dialog über vielfältige Themen zu Stadt, Raum und Gesellschaft. Es hat einen kulturellen Erfahrungsraum geschaffen und die Kommunikation über Architektur und Stadt(bau)kultur zu einem eigenständigen Genre entwickelt, dabei neue Denkräume, kuratorische Konzepte, Techniken und Medien für die Vermittlung dieses zentralen gesellschaftlichen und kulturpolitischen Diskurs- und Aktionsfeldes entwickelt. Für internationale Museen wie für lokale Architekturzentren und für Kulturinstitutionen aus unterschiedlichen Bereichen wurde Aedes zum Beispiel für innovative Vermittlungsformate. In vier Jahrzehnten hat Aedes ein internationales Netzwerk von beeindruckender Tiefe und Reichweite geknüpft, geprägt durch die Vielfalt der präsentierten Ideen, Strategien und Entwürfe. Zusammen spiegeln sie eine Architektur- und Kulturgeschichte des ausgehenden zwanzigsten und beginnenden einundzwanzigsten Jahrhunderts wider. Die kontinuierliche und kritische Auseinandersetzung mit den Fragen, was Stadt, Peripherie, ländlicher Raum und was Architektur ist und sein sollte, ist die DNA des Aedes Architekturforums.

Die Aedes Standorte

An seinem heutigen Standort am Pfefferberg in Berlin-Prenzlauer Berg, einem ehemaligen Industrieareal, hat Aedes die Entwicklung des Quartiers ab 2006 maßgeblich geprägt. Es beheimatet mittlerweile die Ateliers von Künstlern wie Ai Weiwei und Olafur Eliasson, ebenso wie das Museum für Architekturzeichnung der Tchoban Foundation oder das ICI Berlin (Institute for Cultural Inquiry) mit ihren anspruchsvollen Programmen. Das Aedes Architekturforum mit zwei Ausstellungsräumen wurde ab 2009 im angrenzenden Gebäude um den von Hans-Jürgen Commerell und Kristin Feireiss neu entwickelten Aedes Network Campus Berlin, ANCB The Aedes Metropolitan Laboratory erweitert.

Aedes und Berlin

Das erste Aedes-Jahrzehnt, die 1980er-Jahre, war geprägt von der Hochzeit und dem Ende der Postmoderne, das sich auch in der Internationalen Bauausstellung Berlin (IBA Berlin, 1978–1987) widerspiegelte. Aedes begleitete die IBA kritisch, es stellte damit auch Positionen von Architekten vor, die nicht zur IBA eingeladen wurden, und gab ihnen eine wirksame Bühne. So hatte etwa die seinerzeit noch unbekannte Zaha Hadid ihre erste Ausstellung bei Aedes, ebenso präsentierten in dieser Zeit Venturi Scott Brown, Cedric Price, John Hejduk, OMA, Peter und Alison Smithson, Bernard Tschumi und andere ihre architektonischen wie urbanistischen Ideen und Entwürfe.

Der Showdown des ersten Aedes-Jahrzehnts waren zwei große Ausstellungen: Berlin – Denkmal oder Denkmodell? für ‚Berlin Kulturhauptstadt Europa 1988‘ im Auftrag des Berliner Senats und Visionen für Paris 1989 im Auftrag des damaligen Pariser Bürgermeisters Jacques Chirac, bei denen jeweils rund siebzig internationale Architekten der Avantgarde dieser Zeit ihre Ideen in der Kunsthalle Berlin und im 1989 neu eröffneten Pavillon de l’Arsenal in Paris zur Diskussion stellten.

Berliner Themen prägen bis zum heutigen Tag immer wieder Ausstellungen und Diskurse bei Aedes, so etwa zur Bebauung des Grundstücks an der Kochstraße (GSW-Hochhaus), zu den Wettbewerben Alexanderplatz (1993) und Moabiter Werder (1995), mit Gegenentwürfen zum Schlossareal (in der damaligen Schlossattrappe von Catherine Feff, 1993/94) und zum Entwurf Central Park Berlin von Christoph Ingenhoven, 2001, um nur einige zu nennen.

Aedes und die Welt

War es zunächst die Intention, spannende und gute Beispiele für Architektur und Stadtentwicklung aus aller Welt in Berlin auszustellen und zu diskutieren, wurde die neue und bis dahin einzigartige Berliner Plattform selbst für die Welt zum Barometer anspruchsvoller Entwurfs-, Planungs- und Baukultur – und zwar noch zu vor-digitalen Zeiten, per Post und Fax und durch internationale Magazine und Zeitschriften.

Die Ausstellung Berlin – Denkmal oder Denkmodell?, die (nach 1988 in Berlin) ein Jahr später in Paris zu sehen war, reiste danach nach Bern, aber auch in die Länder des großen politischen Umbruchs in Osteuropa. In Krakau, Kiew und Moskau war die Schau aus Berlin in vieler Hinsicht ‚Brücken-bauend‘. Kristin Feireiss kuratierte zudem Ausstellungen für die Kunsthalle Hamburg, für das Deutsche Architekturmuseum (DAM) in Frankfurt oder das Centre Pompidou in Paris.

Die Kompetenz, das steigende Ansehen von Aedes und ein schon seinerzeit veritables globales Netzwerk bewog das Niederländische Kulturministerium, Kristin Feireiss 1996 zur Direktorin an das Niederländische Architekturinstitut (NAi) in Rotterdam zu berufen. Das vergleichsweise kleine Land gönnte sich das seinerzeit weltgrößte Museum für Architektur.

Kristin Feireiss und das NAi

Kristin Feireiss hat in ihrer Zeit als Direktorin des NAi (1996 bis 2001) bedeutende Impulse zum Diskurs von Architektur und Gesellschaft gegeben und damit das Museum international positioniert. Sie hat das Museum selbst und dessen Themenspektrum an weite Teile der Gesellschaft herangeführt und mit Ausstellungen etwa zur Architektur und Raumentwicklung Südafrikas nach der Apartheid, zum Verhältnis von Stadt, Peripherie und ländlichem Raum in Japan oder zur Bedeutung des Stadions in Stadt und Gesellschaft, mit ihren Beiträgen als Kommissarin des Niederländischen Pavillons auf der Internationalen Architekturbiennale in Venedig sowie mit vielen anderen wichtigen Ausstellungen kulturelle wie kuratorische Parameter neu definiert.

Großformatige raumexperimentelle Ausstellungen und neue Kommunikationsformate mit breiter Strahlkraft in den öffentlichen Raum gaben Impulse für neue Architekturmuseen weltweit.

Aedes und Hans-Jürgen Commerell

Während Kristin Feireiss in den Niederlanden lokale, nationale und globale Themenschwerpunkte zu Fragen von Stadt und Architektur setzen konnte, hat Hans-Jürgen Commerell das Programm bei Aedes diversifiziert und verstärkt in den fernöstlichen Kulturraum geschaut. Bei Aedes wurde um die Jahrtausendwende das Fenster nach China geöffnet. Während Europa und die gesamte westliche Welt dort auf architektonischer Mission war, stellte Hans-Jürgen Commerell bei Aedes die Frage nach dem Stand und der Identität chinesischer Architekturkultur und hat damit seit 2001 bis heute den Diskurs zur Bedeutung der Raumproduktion und das architektonische Selbstbewusstsein der Avantgarde Chinas maßgeblich stimuliert. Ein weiterer Schwerpunkt in dieser Zeit wurde das Thema corporate architecture, das in Ausstellungen zur DG Bank von Frank Gehry, zu den Wettbewerben BMW Welt und Mercedes-Benz-Museum und zur Architekturstrategie von Louis Vuitton vorgestellt wurde.

Neben monografischen Ausstellungen wurde zunehmend die Stadt als gesellschaftlicher, sozialer und kulturpolitischer Lebensraum zu einem weiteren inhaltlichem Ausstellungsschwerpunkt: Frankfurt, Johannesburg, Wien, Seoul, Medellín, Paju, Mexiko Stadt, Moskau, Zürich, Thessaloniki und Almere haben ihre unterschiedlichen Strategien zur Stadtentwicklung bei Aedes vorgestellt.

Dabei wurden auch schon mal schwierige diplomatische Hürden genommen, so dass es Aedes z. B. gelungen ist, nord- und südkoreanische Protagonisten in einer Ausstellung zu vereinen.

Architektur und Ökologie

Als in den 1990er-Jahren aus ‚grüner‘ Architektur ‚nachhaltige‘ Architektur wurde, hat Aedes diese Thematik in sein Ausstellungsprogramm aufgenommen und kontinuierlich gesellschaftliche Forderungen nach ökologischen Verfahren im Bauprozess mit neuen Gestaltungsfragen verknüpft, aber auch das Verhältnis von Mensch und Stadtraum neu verhandelt. Im Ausland mit großem Interesse aufgenommen wurde die Ausstellung Made in Germany – Architektur und Ökologie, die Aedes für das Goethe-Institut konzipiert und produziert hat. Aufgrund der großen internationalen Nachfrage wurde sie sogar in zweifacher Ausfertigung hergestellt. Sie war ab 2004 in insgesamt sieben Jahren in 48 Städten der Welt zu sehen. Die Vorreiterrolle Deutschlands im nachhaltigen Bauen konnte somit auch ‚nachhaltig‘ gestärkt werden. Einen ähnlichen Erfolg erzielte die ebenfalls von Aedes für die Goethe-Institute konzipierte Ausstellung Made in Germany – Architektur und Religion, die in sechs Jahren in 36 Städten der Welt zu sehen war.

Für den österreichischen Leuchtenhersteller Zumtobel hat Aedes 2006 einen internationalen Architekturpreis entwickelt, der Aspekte nachhaltigen Bauens mit den Anforderungen an eine lebenswertere und gesunde Umwelt verbindet. Der Zumtobel Group Award for Humanity and Sustainability in the Built Environment gilt heute international als ein angesehener, viel beachteter Architekturpreis.

Aedes im Ausland

1992 und 1993, noch vor der Eröffnung des Architekturzentrums Wien, hatte Aedes eine Dependance in der Annagasse unweit der Kärntner Straße in der österreichischen Metropole. Mit großem Interesse von Medien und Öffentlichkeit wurde das Ausstellungsprogramm der Aedes Dependance in Wien begleitet.

2004 war Aedes für ein Jahres-Programm nach Barcelona eingeladen. Direkt neben der Fundació Antoni Tàpies gelegen, war auch hier das öffentliche Interesse außergewöhnlich. Auftakt des Programms war die Ausstellung Made in Germany – Architektur und Ökologie, die mit Peter Sloterdijk eröffnet wurde.

Der Aedes Network Campus Berlin, ANCB

Ein wichtiger Schritt in der weltweiten Verflechtung des Aedes-Programms war der von Hans-Jürgen Commerell initiierte Aedes Network Campus Berlin, ANCB The Aedes Metropolitan Laboratory. Ausgangspunkt dieses neuen gemeinsamen Experiments war auch hier das starke, über Jahre auf persönlichen Kontakten aufgebaute Netzwerk, das auch führende internationale Universitäten umfasst. Im ANCB werden globale Themen im lokalen Kontext ‚verhandelt‘. Architekturschulen aus aller Welt suchen hier in mehrwöchigen Workshops Austausch und Herausforderung. Zunehmend finden internationale Ministerien, Stadtverwaltungen, Stiftungen, Botschaften, die Industrie und Institutionen der Zivilgesellschaft Interesse an der Arbeitsweise des ANCB, woraus sich weitere neue Zusammenarbeiten und Formate entwickeln.

Ebenso wie das Aedes Architekturforum mit seinem Ausstellungsprogramm ist der ANCB heute überall dort im Ausland gefragt wo der disziplinübergreifende Dialog als selbstverständlich und notwendig erachtet wird.

Aedes und der Diskurs mit der Kunst

Auch den Dialog mit der Kunst hat Aedes seit Anbeginn gesucht und gepflegt. Im Laufe seines vierzigjährigen Bestehens wurden hier unterschiedlichste künstlerische Positionen präsentiert, die sich ebenso kritisch wie spielerisch mit dem architektonischen und städtischen Raum im zeitgenössischen Kulturdiskurs auseinandersetzen: von Installation und Skulptur über Fotografie und Film, Malerei und Illustration bis hin zu Musik, Tanz und Performance. Mit dabei waren im Lauf der Jahre so namhafte Künstlerinnen und Künstler wie Eduardo Paolozzi, Madelon Vriesendorp, Annett Zinsmeister, Alexander Brodsky, Olafur Eliasson oder Ai Weiwei, um nur einige zu nennen.

Gemein ist all diesen künstlerischen Auseinandersetzungen stets die Schaffung von neuen Möglichkeits- und Denkräumen, die auch Inhalt der von Lukas Feireiss kuratieren Ausstellungsserie In between war.

Im Diskurs mit der Kunst zeigt sich Architektur und Stadt bei Aedes sowohl als Gegenstand der Auseinandersetzung als auch als ein Ort der Erfahrung, der herkömmliche Formen der architektonischen Praxis bewusst in Frage stellt. Durch die Arbeit mit Künstlerinnen und Künstlern aus aller Welt erforscht Aedes damit Architektur und Städtebau als konkrete Manifestationen sozialer, politischer, wirtschaftlicher und kultureller Bedingungen und hinterfragt zugleich auch, wie die Transformationen dieser Bedingungen innerhalb der Gesellschaft gelesen werden können.