40 Jahre Aedes 1980–2020

Von der Postmoderne bis ins digitale Zeitalter

Ende der 1970er, Anfang der 80er Jahre, die Postmoderne entfaltete sich zu voller Blüte und mit der IBA Berlin (1978–1987) widmete sich erstmals eine Internationale Bauausstellung nicht nur dem Neubau, sondern ebenso der behutsamen Stadterneuerung und der Partizipation der Bürger. In diesem Zeitgeist entstand 1980 auf privater Initiative das Aedes Architekturforum in einer 40m²-Ladengalerie in der Grolmannstraße 51 in Berlin-Charlottenburg.

Aedes Broschüre 2020 [6.3 MB]

 

Aedes Kooperationspartner

 

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Die Journalistin Kristin Feireiss, tätig im Internationalen Design Zentrum Berlin (IDZ), und Helga Retzer († 1984) aus dem Wirkungsfeld des DAAD waren beide keine Architektinnen und nur sporadisch tangierten ihre Institutionen das Thema des gebauten Raums. Mit der Gründung von Aedes als Experiment folgten die beiden einzig ihrer Intuition: Sie wollten Architektur und Stadtraum als bedeutende Faktoren des täglichen Lebens im Bewusstsein einer erweiterten Öffentlichkeit verankern und damit auch außerhalb der Expertendebatten, im Spiegel sich wandelnder gesellschaftlicher Bedingungen und unabhängig von Stilfragen zur Diskussion stellen. In vier Jahrzehnten kontinuierlicher Programmarbeit ist Aedes selbst zum Teil der jüngeren internationalen Architekturgeschichte geworden. Zwar hatten große Museen schon immer auch Ausstellungen zur Architektur(geschichte) in ihrem Programm. Dass aber der Architektur selbst ein eigenständiger öffentlicher Kultur-Raum gewidmet wurde, um eine kontinuierliche Debatte anzuregen – damit war Aedes 1980 weltweit ein Novum.

Bis heute setzt sich das von Kristin Feireiss und – seit 1994 – mit Hans-Jürgen Commerell entwickelte vielfältige Programm als progressives Experiment fort. Mit inzwischen ca. 600 m² Ausstellungs-, Veranstaltungs- und Büroflächen ist das Aedes Architekturforum eine nicht mit öffentlichen Mitteln geförderte international anerkannte Kulturinstitution für zeitgenössische Architektur, Stadtgestalt und themenverwandte Inhalte. Die finanzielle Bewegungsfreiheit muss bis heute kontinuierlich über Partner, Sponsoren und Einzelförderung erarbeitet werden. Auf der Suche nach dem Neuen, nach guten Beispielen und visionären Konzepten aus allen Teilen der Welt hat Aedes die Avantgarde wie die großen Namen der Architektur zu Wort kommen lassen, aber auch kontinuierlich junge Talente und frische Ideen in mehr als 500 Ausstellungen präsentiert.

Aedes Standorte

Um eine breitere Öffentlichkeit näher an das Thema heranzuführen, waren alle Ausstellungsräume zentral in der Stadt angesiedelt und Ausstellungen wie Veranstaltungen immer ohne Eintritt zugänglich. Die Ausdehnung des Aedes ‚Universums‘ im Lauf der Jahrzehnte war dynamisch. Neben der physischen Neuverortung – ab 1988 in den S-Bahnbögen am Savignyplatz, ab 1995 in den Hackeschen Höfen und seit 2006 am Pfefferberg – reichte die Strahlkraft der weltweit ersten privaten Architekturgalerie schon bald nach ihrer Gründung weit über die Grenzen Berlins und Deutschlands hinaus. An seinem heutigen Standort am Pfefferberg in Berlin-Prenzlauer Berg, einem ehemaligen Industrieareal, hat Aedes die Entwicklung des Quartiers ab 2006 maßgeblich geprägt, das mittlerweile die Ateliers von Künstlern wie Ai Weiwei und Ólafur Elíasson beheimatet,  ebenso wie das Museum für Architekturzeichnung der Tchoban Foundation und das ICI Berlin (Institute for Cultural Inquiry) mit ihren anspruchsvollen Programmen. Das Aedes Architekturforum mit zwei Ausstellungsräumen wurde ab 2009 im angrenzenden Gebäude um den von Hans-Jürgen Commerell und Kristin Feireiss neu entwickelten Aedes Network Campus Berlin, ANCB The Aedes Metropolitan Laboratory, erweitert. Außerhalb von Berlin hatte Aedes temporäre Standorte in Wien von 1992–93 und in Barcelona im Jahr 2004.

Aedes Ausstellungen

Bei allen Ausstellungen versucht Aedes neue Strategien und Methoden zur Präsentation von Architektur und Stadtplanung zu entwickeln, um zu einem kulturellen wie gesellschaftlichen Diskurs anzuregen. Eine erfolgreiche Präsentation erfordert die Kombination von Information und Unterhaltung und einer großen Bandbreite an Medien. Architekturskizzen und Zeichnungen nicht als singuläre, gerahmte Kunstwerke zu präsentieren, sondern als Teil des Entwurfsprozesses, war von Beginn an die Konzeption der Aedes Ausstellungen. Daher wurden alle Arbeiten in großflächigen, an die Wände gelehnten, Glaspaneelen gezeigt.

Aedes Kataloge

Begleitend zu den Ausstellungen hat Aedes kleine quadratische Kataloge herausgegeben, die zum Markenzeichen des Architekturforums geworden sind. Als konzeptueller Teil des Programms von dem anerkannten Berliner Grafik Design Team Ott+Stein gestaltet, war der Aedes Katalog für viele junge Architekten die erste Publikation, und für die bereits Etablierteren wurde er zum ‚Must-Have’. Der erste Katalog erschien 1980 zur Ausstellung In Memoriam Kongresshalle Berlin und wurde aufgrund seines Erfolgs in zweiter Auflage gedruckt. Im gleichen Jahr ergänzten die quadratischen Bücher Ausstellungen von Peter Cook und Christine Hawley sowie OMAs Entwürfe für Rotterdam, gefolgt von vielen weiteren. 1984 war der Aedes Katalog zu Zaha Hadids The Peak Hong Kong Competition Ausstellung ihre erste internationale Publikation. In den vier Jahrzehnten wurden mehr als 450 Titel veröffentlicht, von denen einige mittlerweile Sammlerstücke sind.

Finanzierung

Architekturkultur ist nach wie vor in den meisten Kulturförderprogrammen nicht vorgesehen. Von daher haben Kristin Feireiss und Hans-Jürgen Commerell stets innovative unternehmerische Fördermöglichkeiten ausgelotet und die damit verbundenen Risiken angenommen. Jedes einzelne Vorhaben muss separat durch projektbezogenes Sponsoring oder Einzelförderung realisiert werden. Während sich bei monografischen Architekturausstellungen die Sponsoren aus dem Kreis der Projektpartner – überwiegend aus der Bauindustrie – rekrutieren, müssen thematisch komplexere Programme durch Förderanträge bei Stiftungen oder anderen Sponsoren finanziert werden. Enge Kooperationspartner von Aedes sind Unternehmen, die sich längerfristig verpflichten, die Arbeit von Aedes als führende internationale Kultureinrichtung zu fördern, gemeinsam die Verbreitung und Verstärkung des Architekturkulturdiskurses zu unterstützen und eine größere Aufmerksamkeit für die Gestaltung gegenwärtiger und zukünftiger Lebensräume zu schaffen. Mit diesen internationalen Unternehmen werden die Fragen nach der Entwicklung der gebauten Umwelt, nach Mobilitätskonzepten oder Wohn- und Arbeitsszenarien gemeinsam erarbeitet.

Internationaler Dialog

Seit vier Jahrzehnten steht das Architekturforum in Berlin für den internationalen Dialog über vielfältige Themen zu Stadt, Raum und Gesellschaft. Aedes hat einen kulturellen Erfahrungsraum geschaffen und die Kommunikation über Architektur und Stadt(bau)kultur zu einem eigenständigen Genre entwickelt, dabei neue Denkräume, kuratorische Konzepte, Techniken und Medien für die Vermittlung dieses zentralen gesellschaftlichen und kulturpolitischen Diskurs- und Aktionsfeldes herausgebildet. Für internationale Museen wie für lokale Architekturzentren und Kulturinstitutionen wurde Aedes zum Vorbild für innovative Vermittlungsformate. In vier Jahrzehnten hat Aedes ein internationales Netzwerk von beeindruckender Tiefe und Reichweite geknüpft, das, geprägt durch die Vielfalt der präsentierten Ideen, Strategien, Entwürfe und Projekte, die Architektur-, Stadt- und Kulturgeschichte des ausgehenden zwanzigsten und beginnenden einundzwanzigsten Jahrhunderts widerspiegelt. Die kontinuierliche und kritische Auseinandersetzung mit etablierten und visionären Konzepten zu Stadt, Peripherie, ländlichem Raum und Architektur ist das Kernziel des internationalen Dialogs.

Aedes und Berlin

Das erste Aedes-Jahrzehnt, die 1980er-Jahre, war geprägt vom Höhepunkt der Postmoderne, was sich auch in der Internationalen Bauausstellung Berlin widerspiegelte. Aedes reflektierte die IBA kritisch, unter anderen dadurch, dass hier auch Positionen von Architekten, die wenig oder gar nicht wahrgenommen wurden, eine wirksame Bühne geboten wurde. In diesem Kontext hatte etwa die seinerzeit noch unbekannte Zaha Hadid ihre erste Ausstellung bei Aedes, ebenso präsentierten in dieser Zeit u. a. Venturi Scott Brown, Cedric Price, John Hejduk, OMA (Office for Metropolitan Architecture), Peter und Alison Smithson und Bernard Tschumi ihre architektonischen wie urbanistischen Ideen und Entwürfe bei Aedes. Das Ende des ersten Aedes Jahrzehnts kulminierte in zwei großen Ausstellungen: Berlin – Denkmal oder Denkmodell? für 'Berlin Kulturhauptstadt Europas 1988' im Auftrag des Berliner Senats und Paris: Architecture et Utopie 1989 im Auftrag des damaligen Pariser Bürgermeisters Jacques Chirac. Die Ausstellungen fanden in der Kunsthalle Berlin und im Pavillon de l’Arsenal statt, mit Beiträgen von jeweils siebzig internationalen Architekten der Avantgarde dieser Zeit. Berliner Themen prägen bis heute Ausstellungen und Diskurse bei Aedes, so etwa zur Bebauung des Grundstücks an der Kochstraße (GSW-Hochhaus), zu den Wettbewerben Alexanderplatz (1993) und Moabiter Werder (1995), mit Gegenentwürfen zum Schlossareal (in der damaligen Schlossattrappe von Catherine Feff, 1993/94), zum Entwurf Central Park Berlin von Christoph Ingenhoven (2001) sowie jüngst mit der Petition zum Erhalt des ‚Mäusebunkers’ und des Hygiene-Instituts (2020).

Aedes und die Welt

In der Intention spannende und gute Beispiele für Architektur und Stadtentwicklung aus aller Welt in Berlin auszustellen und zu diskutieren, wurde Aedes selbst zum internationalen Barometer anspruchsvoller Entwurfs-, Planungs- und Baukultur. Die von Kristin Feireiss kuratierte Ausstellung Berlin – Denkmal oder Denkmodell?, die 1988 in Berlin und im darauffolgenden Jahr in Paris gezeigt wurde, reiste weiter nach Bern aber auch in die Länder des großen politischen Umbruchs in Osteuropa. In Krakau, Kiew und Moskau war die Schau aus Berlin in vieler Hinsicht ‚Brücken-bauend‘. Kristin Feireiss entwickelte zudem Ausstellungen für die Kunsthalle Hamburg, für das Deutsche Architekturmuseum (DAM) in Frankfurt oder das Centre Pompidou in Paris. Diese Kompetenz, das steigende Ansehen von Aedes und sein wachsendes globales Netzwerk bewog das Niederländische Kulturministerium, Kristin Feireiss 1996 zur Direktorin an das Niederländische Architekturinstitut (NAi) in Rotterdam zu berufen, das seinerzeit größte Museum für Architektur weltweit.

Kristin Feireiss und das Niederländische Architekturinstitut, NAi

Kristin Feireiss hat in ihrer Zeit als Direktorin des NAi von 1996 bis 2001 bedeutende Impulse zum Diskurs von Architektur und Gesellschaft gegeben und damit das Museum international positioniert. Sie hat die Institution selbst und dessen Themenspektrum an weite Teile der Gesellschaft herangeführt und mit Ausstellungen etwa zu Architektur und Raumentwicklung Südafrikas nach der Apartheid, zum Verhältnis von Stadt, Peripherie und ländlichem Raum in Japan oder zur Bedeutung des Stadions in Stadt und Gesellschaft sowie mit weiteren wichtigen Ausstellungen kulturelle wie kuratorische Parameter neu definiert. Großformatige raumexperimentelle Ausstellungen und neue Kommunikationsformate mit breiter Strahlkraft in den öffentlichen Raum gaben Impulse für neue Architekturmuseen und -institutionen weltweit. Auch mit ihren Beiträgen als Kommissarin des Niederländischen Pavillons auf der Internationalen Architekturbiennale in Venedigs setzte Kristin Feireiss neue inhaltliche Akzente.

Aedes und Hans-Jürgen Commerell

Während Kristin Feireiss in den Niederlanden lokale, nationale und globale Themenschwerpunkte zu Fragen von Stadt und Architektur setzen konnte, erweitere Hans-Jürgen Commerell das Programm bei Aedes in Berlin. So wurde um die Jahrtausendwende das Fenster nach China und Asien geöffnet. Während Europa und die gesamte westliche Welt dort auf architektonischer Mission war, stellte Hans-Jürgen Commerell in zahlreichen Ausstellungen bei Aedes die Frage nach dem Stand und der Identität chinesischer Architekturkultur und hat damit seit 2001 bis heute den Diskurs zur Bedeutung der Raumproduktion und das architektonische Selbstverständnis der Avantgarde Chinas maßgeblich stimuliert. Ausstellungen wie Smart City: The Next Generation. Focus South East-Asia, What Makes India Urban? oder Water – Curse or Blessing!? erweiterten auch die westliche Perspektive auf gemeinsame Herausforderungen der Urbanisierung. Ein weiterer Schwerpunkt in dieser Zeit wurde das Thema Corporate Architecture, das z. B. in Ausstellungen zur DZ Bank von Frank Gehry, zu den Wettbewerben BMW Welt und Mercedes-Benz-Museum und zur Architekturstrategie von Louis Vuitton vertieft wurde. Neben den monografischen Ausstellungen wurde zunehmend die Stadt als gesellschaftlicher und kulturpolitischer Lebensraum zu einem weiteren inhaltlichen Ausstellungsschwerpunkt: von Mexiko Stadt bis Hongkong haben führende Metropolen ihre unterschiedlichen Strategien zur Stadtentwicklung bei Aedes vorgestellt.

Botschaften, Städte und Ehrungen

Seit Mitte der 1990er Jahre begleitete Aedes eine Epoche neuer Botschaftsbauten. Als Berlin Hauptstadt des wiedervereinigten Deutschlands wurde, positionierten viele Nationen repräsentative Botschaften im Zentrum der Stadt. ‚Architektur als kulturelle Botschaft’ war damit der Schwerpunkt von Ausstellungen zur Architektur der Botschaften von Österreich, Indien, Mexiko, der Schweiz, den Niederlanden, den Nordischen Ländern und den Vereinigten Staaten. Seitdem sind die Botschaften und die dazugehörigen Kulturinstitute zu kontinuierlichen Partnern im Aedes Programm geworden. Mit Ausstellungen oder Veranstaltungsreihen wie Architektur ist die Botschaft und Design and Politics mit den Botschaften der Niederlande, Japans, der Schweiz, Spaniens, Italiens, Schwedens, Dänemarks und Norwegens, um nur einige zu nennen, wurde das Aedes Architekturforum zur Plattform der ‚Außenkultur aus anderen Ländern’ in der deutschen Hauptstadt. So eröffnete anlässlich eines Staatsbesuchs der portugiesische Präsident eine Ausstellung über Architektur aus Portugal bei Aedes.

Neben der Zusammenarbeit mit den Botschaften spielen internationale Städte eine bedeutende Rolle bei der Gestaltung der Themenfelder: Seoul, Ningbo, Mexiko Stadt, Hongkong, Johannesburg, Hamburg, Singapur, Frankfurt, Wien, Moskau, Medellín, Madrid, Zürich und viele mehr stellten in Ausstellungen bei Aedes das jeweilige Verhältnis zwischen Mensch und Stadt in Gegenwart und Zukunft zur Diskussion. Mit diesen Städten als Partner werden drängende Fragen der Zeit auch an anderen Orten verhandelt: für die Stadt Moskau in einem Symposium auf der Architekturbiennale in Venedig, auf Konferenzen in Shanghai und im ländlichen China oder bei Workshops in Medellín und Rotterdam, Wien, Barcelona und anderen Orten.

Die große Anerkennung des kontinuierlichen Engagements von Aedes für Architekturkultur hat zu vielen bedeutenden internationalen Ehrungen geführt: Österreichisches Ehrenkreuz für Wissenschaft und Kultur, Ritter im Orden vom Niederländischen Löwen, Bundesverdienstkreuz am Band, Ehrendoktorwürde der Technischen Universität Braunschweig oder Honorary Fellow des Royal Institute of British Architects.

Architektur und Ökologie

Als in den 1990er-Jahren Diskussionen über grüne Architektur zu Konzepten nachhaltiger Architektur führten, hat Aedes diese Thematik in sein Ausstellungsprogramm aufgenommen und gesellschaftliche Forderungen nach ökologischen Verfahren im Bauprozess mit neuen Gestaltungsfragen verknüpft, aber auch das Verhältnis von Mensch und Stadtraum neu verhandelt. Für das Goethe-Institut konzipierte und produzierte Aedes 2004 die Wanderausstellung Made in Germany – Architektur und Ökologie. Aufgrund der großen internationalen Nachfrage wurde sie in zweifacher Ausfertigung hergestellt und war sieben Jahre lang in insgesamt 48 Städten der Welt zu sehen. Einen ähnlichen Erfolg erzielte die ebenfalls von Aedes für die Goethe-Institute konzipierte Ausstellung Made in Germany – Architektur und Religion, die über einen Zeitraum von sechs Jahren in 36 Städten der Welt zu sehen war.

Für den österreichischen Leuchtenhersteller Zumtobel entwickelte Aedes 2007 einen internationalen Architekturpreis, der Aspekte nachhaltigen Bauens mit den Anforderungen an eine lebenswertere und gesunde Umwelt verbindet. Der Zumtobel Group Award – Innovations for Sustainability and Humanity in the Built Environment ist heute ein international angesehener Architekturpreis.

Nach Ökologie und Nachhaltigkeit ist Resilienz zum neuen ganzheitlichen Parameter der gebauten Umwelt geworden. Aedes Ausstellungen wie Measure of Man – Measure of Achitecture (2010), ArchiAid: Rethinking Reconstruction (2013) oder After Hurricane Sandy – Rebuild by Design (2015) haben diese Anforderungen aufgegriffen und die Fragen dazu weiterentwickelt.

Der Aedes Network Campus Berlin, ANCB

Ein wichtiger Schritt in der inhaltlichen Vertiefung des Aedes-Programms war der 2009 von Hans-Jürgen Commerell entwickelte Aedes Network Campus Berlin, ANCB The Aedes Metropolitan Laboratory. Ausgangspunkt dieses neuen Experiments war auch hier das starke, über Jahre auf persönlichen Kontakten aufgebaute Netzwerk, das auch führende Universitäten umfasst. Im ANCB werden globale Themen im lokalen Kontext verhandelt. So suchen hier beispielsweise Architekturschulen aus aller Welt in mehrwöchigen Workshops Austausch und Herausforderungen. Zunehmend finden internationale Ministerien, Stadtverwaltungen, Stiftungen, Botschaften, die Industrie und Institutionen der Zivilgesellschaft Interesse an der transdisziplinären Arbeitsweise des ANCB, woraus sich neue Kooperationen und Formate entwickeln. Ebenso wie das Aedes Architekturforum mit seinem Ausstellungsprogramm hat der ANCB einen internationalen Dialog geprägt, der weit über seine physischen Grenzen hinauswirkt.

Digital

Abgesehen von seiner Pionierrolle bei der Hervorhebung einer nachhaltigen Architekturpraxis, bot Aedes auch bei der Erforschung der Möglichkeiten der digitalen Welt innerhalb eines breiteren Architektur-Diskurses schon früh ein Forum. In Ausstellungen und Diskussionsveranstaltungen, die über gestalterische Fragen hinausgehen, untersucht Aedes, wie neue digitale Werkzeuge einen integrierten und bezahlbaren Ansatz im Design von neuen Wohn- und Arbeitstypologien ermöglichen. Darüber hinaus hinterfragt Aedes auch überkommende Werte-Systeme in einem globalen System von Konnektivität.

Aedes und die Kunst

In zahlreichen Ausstellungen im Lauf seines vierzigjährigen Bestehens haben bei Aedes so namhafte Künstlerinnen und Künstler wie Eduardo Paolozzi, Madelon Vriesendorp, Annett Zinsmeister, Alexander Brodsky, Ólafur Elíasson, Ursula Schulz-Dornburg oder Ai Weiwei unterschiedlichste künstlerische Positionen präsentiert, die sich ebenso kritisch wie spielerisch mit dem architektonischen und städtischen Raum im zeitgenössischen Kulturdiskurs beschäftigen: von Installation und Skulptur über Fotografie und Film, Malerei und Illustration bis hin zu Musik, Tanz und Performance. Gemein ist all diesen künstlerischen Auseinandersetzungen stets die Schaffung von neuen Möglichkeits- und Denkräumen. Im Diskurs mit der Kunst zeigt sich Architektur und Stadt bei Aedes sowohl als Gegenstand der Auseinandersetzung als auch als Ort der Erfahrung, der herkömmliche Formen der architektonischen Praxis bewusst in Frage stellt. Durch die Arbeit mit Künstlerinnen und Künstlern aus aller Welt erforscht Aedes Architektur und Städtebau als konkrete Manifestationen sozialer, politischer, wirtschaftlicher und kultureller Bedingungen und hinterfragt zugleich, wie die Transformationen dieser Bedingungen innerhalb der Gesellschaft gelesen werden können.

Aedes und die Kooperationspartner aus der Wirtschaft

Von Beginn an wurde Aedes nicht aus öffentlichen Mitteln gefördert, da Architekturkultur in den meisten Kulturförderprogrammen nach wie vor nicht vorgesehen ist. Somit liegen die unternehmerische Verantwortung und das damit verbundene Risiko seit jeher zu 100 Prozent bei Kristin Feireiss und Hans-Jürgen Commerell. Jedes einzelne Vorhaben muss separat durch projektbezogenes Sponsoring oder Einzelförderung realisiert werden. Während sich bei monografischen Architekturausstellungen die Sponsoren aus dem Kreis der Projektpartner – überwiegend aus der Bauindustrie – rekrutieren, müssen thematisch komplexere Programme durch einzelne Förderanträge bei Stiftungen oder Sponsoren finanziert werden.

In diesem Kontext kooperiert Aedes mit weltweit operierenden Unternehmen – den Aedes Kooperationspartnern – die die Arbeit von Aedes als international aktive Kulturinstitution in ihrer organisatorischen Struktur unterstützen. Gefördert wird somit der interdisziplinäre Diskurs über die Wechselbeziehung von Kultur, Gesellschaft und Technologie in Bezug auf Architektur und Städtebau. Dabei werden diese Partner bei Fragen zur Entwicklung der gebauten Umwelt in Gegenwart und Zukunft, zu Mobilitätskonzepten sowie Wohn- und Arbeitsszenarien usw. ins Programm eingebunden.

Der so von Aedes initiierte und moderierte transdisziplinäre Austausch ermöglicht den Unternehmen eine ‚Früherkennung’ innovativer Prozesse in der Gesellschaft. Aedes wird somit zur ‚offenen Handelszone‘ von Wissen und Erfahrung und wirkt als Impulsgeber zum Thema ‚intelligente Stadt und Zukunft‘. Für die Industrie von Interesse sind aber auch die direkten Kontakte in die Architektur- und Designwelt. Diese Verbindungen werden auf Workshops, Symposien oder gemeinsamen internationalen Exkursionen geknüpft. Alle Kooperationspartner vereint eine kulturelle Verantwortung sowie das Verständnis, dass auch Technologie Teil von Kultur und Gesellschaft ist und dass das ‚behaust sein‘ – und somit der umbaute Raum – eine der wichtigsten kulturellen Errungenschaften des Menschen ist, die sich kontinuierlich durch Innovationen weiter entwickelt und somit immer neu ‚verhandelt’ werden muss.

Im Jahr 2020 zählen fünf Firmen zu der Gruppe der Aedes Kooperationspartner.

Zumtobel Lighting
In diesem Jahr feiern Aedes und Zumtobel, das international operierende Leuchtenunternehmen mit Sitz in Österreich, ihre seit 25 Jahren bestehende Verbindung. Einzelne Aedes Ausstellungen wanderten mit Zumtobel durch Europa. Die Lichtzentren in Wien und in der Zentrale in Dornbirn sind aus ihrer Geschichte heraus bereits hochwertige Kulturorte, in denen Aedes mit der Architekturkultur das Spektrum erweitert. Die Verknüpfung von Netzwerken und gemeinsamen Kooperationen mit internationalen Designern und Architekten führten zu beiderseitig attraktiven Projekten. Ein von Aedes konzipierter und durchgeführter Workshop mit sechs Universitäten aus der ganzen Welt untersuchte die Beziehung zwischen Licht und der Gestaltung von Arbeitsräumen. Der 2007 gemeinsam entwickelte Zumtobel Group Award – Innovations for Sustainability and Humanity in the Built Environment, der 2021 zum sechsten Mal vergeben wird, ist ein weiteres Ergebnis dieser synergetischen Partnerschaft.

Carpet Concept
Mit dem deutschen Teppichhersteller Carpet Concept verbindet Aedes eine fast 15-jährige Beziehung. Netzwerke wurden verknüpft und gemeinsame Ziele zur Verbesserung von Lebens- und Arbeitswelten definiert und verfolgt. Auch diese Kooperation spiegelt sich in gemeinsamen Ausstellungen und Publikationen wie Between Arts and Politics wider.

Schindler / Port Technology
Mit diesem führenden Unternehmen im Bereich Smart Urban Mobility hat Aedes über einen Zeitraum von vier Jahren internationale Symposien konzipiert, die sozio-politische und ökonomische Verschiebungen in den Peripherien internationaler Metropolen im Fokus hatten. Diese gemeinsamen transdisziplinären Formate eröffnen eine ‚Früherkennung der Potenziale‘ über das gegenwärtige Kerngeschäft von Schindler hinaus. Gleichzeitig tragen die Erfahrungen und das Wissen des Unternehmens auf vielen Ebenen zur Bereicherung der Aedes Programme bei. Als gemeinsamer Forschungsschwerpunkt steht aktuell die Verdichtung des Lebensraums nach oben – das ‚Vertikale Habitat’ – auf der Agenda.

Cemex
Seit 2019 bietet die Partnerschaft mit diesem Global Player der Zementindustrie – eines der wohl bedeutendsten Produkte im weltweiten Baugeschehen – eine reichhaltige Wissensquelle zum beiderseitigen Nutzen. In der kontinuierlichen Forschung zu Architektur und nachhaltigem Bauen, die von Aedes vorangetrieben wird, spielt Zement eine Schlüsselrolle im ständigen Spannungsverhältnis von Umweltherausforderungen und der Begrenztheit von Rohstoffen. Gemeinsam kuratierte Vorträge und experimentelle Workshopprogramme geben Impulse auf allen Ebenen.

Camerich
Neuester Partner in der Aedes-Familie ist der chinesische Möbelhersteller Camerich. Gemeinsam suchen Aedes und Camerich nach der Bedeutung von und den Beziehungen zwischen Funktionalität, Design und Nachhaltigkeit in der Ausgestaltung des ost-westlichen Wohnalltags. Diese weltweit operierende High-End Möbelmarke ist interessiert an Erkenntnissen und Synergien, die Aedes zugänglich macht: im Kontext all-maßstäblicher Raumproduktion und an der Schnittstelle eines reichen Kulturaustausches mit China und Asien.